Prävention statt Eskalation - Bildung für den Tierschutz
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- Kategorie: Bärenmissbrauch
Wir schützen, was wir kennen. Konzept: Alphawolf. Reservepopulation ist die Geheimwaffe im Artenschutz… auch außerhalb von Rotkäppchen sind unzählige Märchen im Umlauf. Auf den ersten Blick scheint das recht harmlos zu sein, doch Unwissenheit und Halbwissen können extrem gefährlich sein, besonders, wenn es um Tiere geht. Denn der Großteil von Tierleid ist auf mangelnde, gar falsche Bildung zurückzuführen. Daher ist Pädagogik eines der wichtigsten Tools für den nachhaltigen Tierschutz.
Aber warum können wir als Gesellschaft nicht einfach weitermachen wie bisher? Was ist richtig, was ist falsch? Wo können wir ansetzen und wo wollen wir hin? Trennen wir Phrasen von Fakten und finden wir heraus, warum es so fatal ist, jemanden einen Bären aufzubinden.
INHALTSVERZEICHNIS
1 | MYTHEN 2 | REALITÄT 3 |PÄDAGOGIK 4 | FAZIT |
1 – MYTHEN
Er ist der Stärkste, der Anführer, das Sinnbild von Souveränität, Cleverness und Mut: der Alphawolf. Niemand trotzt den Widrigkeiten der Wildnis so majestätisch, wie er. Ohne ihn wäre das Rudel verloren. Das Bild jener militärischen Rangordnung aus der Tierwelt prägte ganze Generationen von SchülerInnen und ist auch heute noch oft präsent in vielen Köpfen. Leider gibt es dabei nur ein großes Problem: den Alphawolf gibt es nicht. Jedenfalls nicht in der Natur. Das Konzept Alphawolf gibt es nur in Gefangenschaft. Dennoch ist das Bild dieses Tieres, fast schon einem Fabelwesen gleich, die Grundlage für die Art, wie der Wolf in der Gesellschaft gesehen wird, wie seine Lebensweise ist, basierend auf Konkurrenz, ständigem Rudelkämpfen. Nach und nach weicht dieses verkrustete Märchen auf, doch besonders auf einer emotionalen Ebene lässt sich dies schwer korrigieren, denn Aufklärung funktioniert schließlich nicht rückwirkend. Und wenn sich einmal eine Meinung festgesetzt hat, ist es schwierig, trotz aller Fakten, diese zu objektivieren.
Wir schützen, was wir kennen - kaum ein anderer Spruch ist in der Zoowelt so verbreitet wie diese Phrase. Sie ist Dreh- und Angelpunkt jeder Argumentation, wenn es darum geht, die Haltung und Zurschaustellung von Tieren zu rechtfertigen. Doch bei genauerer Betrachtung wirft dieser Satz einige Fragen auf, allen voran: stimmt das überhaupt? Worauf ist diese Behauptung zurück zu führen? Und wenn es tatsächlich zutreffen sollte, wie verhält es sich dann mit Mythen wie dem Alphawolf, wenn Wissen vermittelt wird, was so nicht stimmt?
Gut, dann müssen die pädagogischen Konzepte angepasst werden, ist der Alphawolf eben nicht korrekt, ist doch nicht weiter schlimm… oder? Die Wissenschaft lebt schließlich davon, dass Erkenntnisse dynamisch sind und steter Überarbeitung unterliegen. Eben weil immer mehr neue Dinge herausgefunden werden, können auch die Haltungen von Tieren verbessert werden, was elementar für eine Reservepopulation ist, weil auf diese Weise Arten vor dem Aussterben bewahrt werden. So können Tiere in Gefangenschaft weiter existieren, auch wenn sie in der freien Wildbahn ausgestorben sein sollten. Aber auch hier kristallisieren sich zahlreiche Zweifel heraus. Z.B. warum werden dann Tiere gezüchtet, die nicht vom Aussterben bedroht sind? Und ist ein Leben in Gefangenschaft wirklich Arterhalt?
Und nicht zuletzt: Ist es wirklich die Aufgabe der Menschen, über das Überleben und Aussterben von Arten zu entscheiden?
2 - REALITÄT
Zurück zu den Wölfen: In der freien Wildbahn besteht das Wolfsrudel aus den Eltern, also zwei Erwachsenen, den Einjährigen, also den Welpen vom Vorjahr, und den Welpen, also dem aktuellen Wurf. Daher ist der Begriff Rudel auch eher umgangssprachlich, genau genommen leben Wölfe in Familienverbänden. Aus diesen ergibt sich eine ganz natürliche Rangordnung, denn logischerweise sind die Eltern die Leittiere. Was nicht heißt, dass es bei freilebenden Wölfen immer alles harmonisch ist, aber der Alltag ist stark von familiären Strukturen geprägt. Allen voran nimmt die Aufzucht der Welpen einen zentralen Aspekt ein, wobei der Umgang mit dem eigenen Nachwuchs durchaus als liebevoll beschrieben werden kann.
Fakt.
Doch auch abseits von Hamster, Hund und Kuh sieht die Realität in Sachen Schutz von Tieren, welche der Mensch kennt, ganz anders aus. Im Gegenteil, gerade die Tiere, die der Mensch kennt, neigt er bevorzugt auszubeuten, zu quälen und kontrollieren zu wollen. Tiger, Löwen und Elefanten werden beispielsweise massiv im Zirkus misshandelt. Bären werden in Schlossgraben gehalten, wobei über stereotypes Verhalten einfach hinweggesehen wird. Von Lethargie, Fellverlust bis hin zu Kopfweben und Kreislaufen. Wölfe werden privat gehalten, gezüchtet und gehandelt.
Und auch in Bezug auf die freie Wildbahn, worauf sich der Spruch, Wir schützen, was wir kennen, vorwiegend bezieht, ist der Umgang mit Tieren erschreckend. Dabei geht es nicht darum, dem Missbrauch von Tieren in der freien Wildbahn aktiv entgegenzutreten, sondern ganz konkret um den Schutz. Schutz von Wildtieren in der Natur heißt zum Großteil Schutz des Lebensraums, sprich Errichtung von Grünbrücken, Waldgebiete, die als Rückzugs- und Ruheorte der Tiere fungieren, wo Menschen keinen Zutritt haben. Doch schon allein der Gedanke daran, dass es Gebiete in der Natur gibt, in die Menschen nicht hinein dürften, führt zu heftigster Gegenwehr, Schutz von Tieren spielt dabei gar keine Rolle, egal, wie bekannt und beliebt die Tiere sind.
Der Lebensraum von Tieren scheint grundlegend eine untergeordnete Rolle zu spielen, u.a. auch aufgrund der s.g. Reservepopulationen in Zoos. Denn der Erhalt von natürlichen Lebensräumen scheint schier unmöglich, also ist ein Überleben vieler Arten in Zukunft nur in Gefangenschaft möglich. In Wirklichkeit führt dies allerdings zu zahlreichen Problemen, denn Tiere werden nicht nach Bedarf gezüchtet, sondern Wirtschaftlichkeit. Das absurde Vorhaben des Münchner Zoos Hellabrunn, bis 2028 Pandas zuholen, ist das beste Beispiel dafür. Ein Millionen schweres Unterfangen, das einzig in Angriff genommen wird, weil Pandas zu den Tieren gehören, die einen regelrechten Kultstatus haben. Dadurch fungieren sie als wahrer Besuchermagnet.
Doch was kann Bildung daran ändern? Wie kann die Richtigstellung der Alphawolfproblematik dazu beitragen, Tierleid zu verhindern?
3 - PÄDAGOGIK
Wenn AGONIS, ein Braunbär im Alternativen Wolf- und Bärenpark Schwarzwald, an seiner Tatze saugt, dann ist das kein niedlicher Anblick, sondern ein Zeichen starker Verhaltensauffälligkeit. Zurückzuführen auf Missbrauch durch Menschen. Als Welpe wurde er in einem Käfig eingesperrt, auf einer Terasse eines Restaurants zur Belustigung der Gäste. Was hättet ihr gemacht, wenn ihr damals gesehen hättet? Kleiner Welpe, kleine Bärenmutter, die ihn beschützt. Ihr hättet hingehen und ihn streicheln können. Auch füttern. Würdet ihr das machen? Und würdet ihr das machen, wenn ihr wisst, wenn ihr euch vollkommen bewusst darüber seid, dass dieser Bär sein Leben lang verstört von diesen Erfahrungen sein wird? Dass ein normales Leben für ihn nie möglich sein wird?
Bald ist es 20 Jahre her, dass Braunbär BRUNO in Bayern erschossen wurde. Er kam menschlichen Siedlungen zu nahe, weil er als Welpe gelernt hatte, dass es in der Nähe von Menschen leichtes Futter gibt. Denn er wurde angefüttert, als er noch klein war. Echte Bären in der freien Natur erleben, Fotos machen. Hättet ihr das gemacht? Würdet ihr Wildbären anfüttern obwohl ihr wisst, dass sie dadurch zu s.g. Problembären werden können? Ähnlich wie der Wolf in Hornisgrinde Anfang dieses Jahres. Er sollte abgeschossen werden, weil befürchtet wurde, es könnte ein Wolfstourismus entstehen. Menschen könnten ihn zu Nahe kommen. Wart ihr da? Würdet ihr in das Revier eines wilden Wolfs gehen, wohl wissend, dass er dadurch abgeschossen werden soll?
Würdet ihr Schlösser besuchen, in denen Bären stereotyp im Kreis laufen, kahle Stellen am Körper haben? Würdet ihr Zoos besuchen, die gesunde Tiere töten, damit sie Platz für kapitale Nachzuchten haben? Würdet ihr Einrichtungen unterstützen, die Eisbären halten, die dort mit dem Kopf weben, denen es offensichtlich nicht gut geht, die aber, weil sie vom Aussterben bedroht sind, dort leben müssen?
Wir schützen nicht, was wir kennen. Wir müssen uns dem Leid bewusst werden, das wir den Tieren antun. Genau das ist einer der wichtigsten Ansätze in unserer pädagogischen Arbeit. Im Tierschutz geht es nicht darum, sich zu rechtfertigen, sondern sich allen voran bewusst darüber zu werden, dass es Menschen sind, die Tierleid verursachen. Wir sind es. Unser Handeln, unsere Entscheidungen. Daher zeigen wir in unseren Projekten, im Alternativen Bärenpark Worbis und im Alternativen Wolf- und Bärenpark Schwarzwald, unverschönt, aber nie respektlos, welche Handlungen es sind, die zu Tierleid führen. Dies fängt bei den Einrichtungen an, die unterstützt werden und reicht konkret bis zu aktiver Beteiligung an Tierquälerei wie Elefantenreiten.
4 - FAZIT
Die Situation mit Wildtieren ist kurz vorm Eskalieren. Auf der einen Seite mangelt es an Wissen und Verständnis für wildlebende Exemplare, auf der anderen Seite wird Missbrauch und Ausbeutung in Gefangenschaft vorangetrieben. Nur allein Zoonosen wie COVID-19 zeigen, welche Gefahr von Unwissenheit ausgeht. Und obwohl es für die Natur und das Ökosystem in Europa hervorragend wäre, haben wildlebende Bären in Deutschland so gut wie keine Chance, weil wir Menschen nicht in der Lage sind, mit ihnen zu leben. Selbst Wölfe scheinen den so hoch entwickelten Industriestaat zu überfordern.