RANZZEIT bei Wolf und Luchs

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Wenn die Spannung steigt, Rivalen diskutieren und jede Menge Hormone im Spiel sind: die Ranzzeit oder Paarungszeit sowohl bei Luchsen als auch Wölfen findet stets Anfang des Jahres statt. Doch warum? Was passiert währenddessen im Leben der Vierbeiner? Wo gibt es Unterschiede zwischen Luchs und Wolf? Und wie verhält sich die Ranzzeit in unseren Projekten?

Beginnen wir mit der wohl wichtigsten Frage: Warum findet die Ranzzeit im Spätwinter statt? Damit die Welt in ihrer Blüte steht, wenn die kleinen Welpen in sie hineingeworfen werden. Das trifft sowohl für Wölfe als auch Luchse zu. Ausschlaggebend für die Ranzzeit ist das Licht. Eingeleitet durch zunehmendes Tageslicht beginnt die Phase der Fortpflanzung mit starken Veränderungen im Hormonhaushalt. Allen voran durch die Steigerung des Östrogenspiegels bei den Weibchen nimmt der Zyklus Fahrt auf.

INHALTSVERZEICHNIS

1 – Wölfe
1a - Vorbrunst [Proöstrus]
1b – Brunst [Östrus]
1c - Nachbrunst [Proöstrus]
1d - Geschlechtspause [Diöstrus]
2 - Luchse
3 - In Gefangenschaft

1 – Wölfe

Dieser Artikel befasst sich mit Europäischen Grauwölfen (Canis lupus lupus)

1a - Vorbrunst [Proöstrus]

Dauer: 4-12 Tage. Wölfe sind Monoöstrisch, dh. es kommt zu einem Eisprung pro Jahr. Die Eierstöcke bilden verstärkt Östrogene, was massiven Einfluss auf den Körper des weiblichen Wolfes (Fähe) hat. Entscheidend dabei ist, dass die Brunstsymptome ausgelöst werden und die Gebärmutter auf eine (eventuelle) Trächtigkeit vorbereitet wird. Ein Merkmal ist der wässrig-blutige Scheidenausfluss, der abgesondert wird. Die s.g. Läufigkeit ist im vollem Gange, die Fähe markiert viel, verteilt somit Pheromone, Boten- bzw. Lockstoffe, wodurch die Rüden angelockt, sie über den Stand der s.g. Hitze informiert und ihr Testosteronspiegel in Schwung gebracht wird. Dies hat eine erhöhte Spermienproduktion zufolge. In dieser Frühphase verweigert die Fähe eine Verpaarung allerdings noch vehement. Auch gegenüber den subadulten weiblichen Rudelmitgliedern begegnet sie wesensverändert, meist aggressiv. Diese werden unterdrückt, oft selbst gar nicht läufig. Unterstützung erfährt die Fähre dahingehend vom restlichen Rudel.

1b - Brunst [Östrus] 

Dauer: 2-7 Tage. Der Follikel platzt, lässt Eizellen frei, sprich die Ovulation (Eisprung) findet statt. Nun ist die Fähe befruchtungsfähig und lässt Deckung durch den Rüden zu. Die Kopulierung (Paarung) findet mehrfach täglich statt, wobei Fähe und Rüde durchaus 20-50 Minuten länger zusammenhängen, aufgrund der stark geschwollenen Geschlechtsteile. Dies hat den Effekt, dass eventuelle geschlechtsreife Rüden im Rudel (wobei es sich dabei in der Regel um die eigenen Söhne handelt, da ein wölfischer Familienverband aus den Elterntieren, den Welpen vom letzten Wurf und dem Vorjahr besteht), selbst bei erfolgreicher Verpaarung kaum Chancen haben, ihr Sperma als erste in die Eizelle zu nisten.

1c - Nachbrunst [Proöstrus]

Das Gelbkörperhormon Progesteron wird produziert. Dieses hat die Aufgabe, die Trächtigkeit aufrechtzuerhalten. Weitere Eier im Eierstock werden verhindert, die Gebärmutter auf das Einnisten der befruchteten Eizelle vorbereitet.

1d - Geschlechtspause [Diöstrus]

Circa 2 weitere Monate ist der Gelbkörper vorhanden, egal, ob die Verpaarung erfolgreich bzw. die Fähe trächtig ist oder nicht. Im Anschluss kommt es zu Eierstockruhe. 9 Wochen beträgt die Tragezeit. Gegen Ende sucht die tragende Fähe für ihre kommenden Wolfswelpen eine geeignete Wurfhöhle, bzw. mehrere Wurfhöhlen, die selbst gegraben, aber auch von anderen Tieren übernommen sein können. In einem Revier sind idealerweise mehr als eine Wurfhöhle vorhanden und einsatzbereit, damit im Notfall eine Wurfhöhle geräumt und die Welpen in eine andere gebracht werden können. Rückt die tatsächliche Geburt näher, verbarrikadiert sich die Fähe in der Höhle und verlässt diese nicht, lässt zudem kein anderes Mitglied der Wolfsfamilie in die Höhle. Die ersten 3 Tage verbringt die Wölfin allein mit ihren Kindern in der Wurfhöhle, versorgt ihren Nachwuchs liebevoll. Wölfe sind Nesthocker und wiegen bei der Geburt 300-500 Gramm.

 2 - Luchse

Dieser Artikel bezieht sich auf Europäische Luchse (Lynx lynx)

Die Fortpflanzung der Luchse ist noch immer recht rätselhaft, allen voran die Vaterschaft ist kaum erforscht. Doch ähnlich wie Wölfe sind auch Luchse monoöstrisch, sprich mit nur einem Zyklus im Jahr aktiv. Ebenso gleich wie bei den Wölfen ist ein veränderter Hormonhaushalt abhängig vom veränderten Tageslicht im Winter. Wobei die Paarung im Spätwinter, im Januar-März, stattfindet. Mit einer Tragezeit von 70-75 Tagen kommen die jungen Luchse meist Mitte Mai bis Mitte Juni zur Welt. Vermutlich beginnt der Wurf unmittelbar mit Beginn der stationären Phase statt (Mitte Mai bis Juli).

Luchse bringen ihre Welpen an einem sicheren Ort zur Welt, welcher sehr schwer zugänglich ist. Im Gebirge handelt es sich dabei in der Regel um ein steiles Gelände zwischen enormen Felsblöcken am Fuß einer Felswand, in Spalten, kleinen Höhlen, Wurzelstöcken oder umgefallene Bäume sowie Asthaufen oder tiefhängenden Äste.

Obwohl mal mehr, mal weniger Luchswelpen beobachtet wurden, kommt es im Schnitt zu 2 Jungen pro Wurf. Die Paarungszeit an sich wird oft als gemässigte Polygynie beschrieben. Ein männlicher Luchs (Kuder) erstreckt sein Revier über das mehrerer Weibchen, 1-3, in seltenen Fällen mehr. Der Kuder übernimmt in der Paarungszeit die aktive Rolle, klappert ab Mitte Januar die Gebiete der Weibchen ab, welche sich mit seinem Revier überlappen. Diese ändern ihren Bewegungsradius hingegen nicht, setzen jedoch Markierungen ab, was, ähnlich wie bei den Wölfen, einen Anstieg im Hormonspiegel der männlichen Luchse mit sich bringt. Dies führt zum Stadium aktiver Spermatogenese (Spermaproduktion). Dies macht sich in den Hoden deutlich bemerkbar. Bei Luchsen im Urwald von Belowesch, Polen, wurde dokumentiert, dass die Hoden besonders von Januar bis zum Februar an Masse zulegen.

Doch nicht nur die männlichen, auch die weiblichen Luchse sind in mehreren sexuellen Beziehungen aktiv. Anders als bei verwilderten Hauskatzen ist eine Mehrfachvaterschaft allerdings äußerst unwahrscheinlich. Denn, dass sich zwei Kuder direkt ablösen kommt so gut wie nicht vor. In den meisten Fällen handelt es sich beim residenten Kuder um den Vater. Benachbarte Kuder und s.g. Nomaden, also männliche Luchse, die zwar bereits geschlechtsreif sind, allerdings noch kein wirkliches Revier besitzen, werden zwar auch beim Weibchen aktiv, haben aber kaum Chancen, als erstes ihren Samen einzupflanzen. Die induzierte Ovulation, also der Eisprung, wird durch Paarungsverhalten sowie Kopulation gefördert. Insgesamt kann der Akt 1-2 Tage dauern, in denen die Luchse zusammenbleiben und mehrfach kopulieren.

Während Kuder durchschnittlich im Alter von 3 Jahren geschlechtsreif werden, werfen die Weibchen bereits mit 2 meist zum ersten Mal. Der Nachwuchs bleibt bis zur nächsten Ranzzeit bei der Mutter, dann gilt es für die Jungtiere, eigene Reviere zu finden. Dass sich Männchen direkt an der Aufzucht beteiligen, ist kaum der Fall. Jedoch bleiben sie manchmal nach der Verpaarung ein paar Tage bei der Luchsdame. Die Verpaarung an sich dauert mehrere Tage, wobei des öfteren kopuliert wird. Im Grunde kann davon ausgegangen werden, dass sich die Zeugung beim letzten Treffen der Luchse ereignet. Doch eine Beobachtung von 1995 zeigt, dass dies nicht immer der Fall sein muss. Weiterhin lassen sie darauf schließen, welch komplexes soziales Verhalten Luchse an den Tag legen:

Zwei Wochen nach der erfolgreichen Verpaarung besuchte ein weiblicher Luchs dennoch ihren männlichen Nachbarn. Weshalb sie ihm jene Aufmerksamkeit zukommen ließ, bleibt Spekulation, wobei eine These besagt, sie könnte sich trotz dessen sie bereits trächtig war, mit dem männlichen Luchs verpaart haben, um einer eventuellen Bedrohung durch den Kuder vorzubeugen.

Luchse sind allgemein stille Tiere, einzig während der Ranzzeit erheben sie ihre Stimmen. Während ein Weibchen durchaus den Kontakt zu mehreren männlichen Luchsen pflegt, liegt die Vermutung nahe, dass es zu Rivalitäten oder gar Kämpfen kommen kann. Die Auswertung von Spuren lassen jedoch darauf schließen, dass die männlichen Rivalen zwar intensiv miteinander kommunizieren, dabei jedoch auf physikalisches Einwirken meist verzichten. Im Grunde verhält sich solch ein Streit recht friedlich. Die Auseinandersetzungen werden von Stimme, Haltung und Gesten bestimmt.

Eine weitere äußerst interessante Beobachtung lässt vermuten, dass Luchse im Rahmen ihrer Paarungs- bzw. Ranzzeit eine Fläche von 1-1,5 Kilometern komplett niedertrampeln können.

3 - In Gefangenschaft

Aktuell befinden sich mehrere Wölfe und Luchse in unserer Obhut, sie alle sind Tierschutzfälle und haben in unseren Projekten, im Alternativen Bärenpark Worbis und im Alternativen Wolf- und Bärenpark Schwarzwald, ein neues, tiergerechtes Zuhause gefunden. Artgerecht ist jedoch nur die freie Wildbahn, daher lehnen wir eine Zucht von Wölfen und Luchsen (generell von Wildtieren) vehement ab.
Um dies zu sichern gibt es grundlegend zwei Varianten. Zum einen die Kastration, eine Entfernung der Hoden bzw. Eierstöcke, zum anderen eine Sterilisation, bei der die Samen- bzw. Eileiter durchtrennt werden. Vorteile der Kastration sind eine relativ hohe Sicherheit von Unfruchtbarkeit. Allerdings geht diese auch mit dem Verlust der Hormone einher, welche besonders bei den Wölfen eher suboptimal ist, da bei den Vierbeinern Hormone zur Kommunikation gehören.

Bei einer Sterilisation wird der Hormonhaushalt kaum beeinträchtig.

Kastration
  • Entfernung der Hoden bzw. Eierstöcke
  • Sehr hohe Sicherheit der Unfruchtbarkeit
  • Hormonproduktion entfällt vollständig
  • Veränderung von Verhalten und Kommunikation möglich
  • Bei Wölfen problematisch, da Hormone eine wichtige Rolle in der sozialen Kommunikation spielen
Sterilisation
  • Durchtrennung der Samen- bzw. Eileiter
  • Hormonhaushalt bleibt weitgehend erhalten
  • Geringeres Risiko von hormonbedingten Veränderungen

Eine Sterilisation oder Kastration von Wildtieren in Gefangenschaft ist zwingend notwendig, um die Gefahr von Nachwuchs zu minimieren. Und warum dies eine Gefahr ist, zeigt sich anhand der Komplexität, mit der sowohl Wölfe als auch Luchse sich fortpflanzen. Die Tiere brauchen freie Wildbahn, um dies adäquat verfolgen zu können. In Gefangenschaft, gar durch künstliche Befruchtung, wird aus diesem wichtigen, vielschichtigen Zyklus, eine reine Produktion von Lebewesen. 

So faszinierend die Paarungszeit bei Wölfen und Luchsen auch sein mag, oder gerade WEIL sie so faszinierend ist, gehört sie nicht hinter Gittern, sondern in die freie Wildbahn.

Wie die Wildtiere auch…

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