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Trentino, Tovelsee
Trentino, Tovelsee

Heute, 26. Juni, jährt sich zum 9. Mal der Todestag von Bruno, dem ersten Bären, der nach der Ausrottung der Art vor über 170 Jahren, wieder nach Deutschland eingewandert war und dann erschossen wurde. Gelegenheit für die STIFTUNG für BÄREN, sich in der Heimat von Bruno, dem oberitalienischen Trentino, umzuziehen. Könnte vielleicht schon bald ein neuer Bruno zu uns kommen?

12 bis 13 Bären sind dieses Jahr im norditalienischen Trentino zur Welt gekommen. Da die dortige Population seit den ersten ausgewilderten Bären 1999 bereits auf 40 bis 50 Tiere angewachsen ist, werden sicherlich wieder Bären abwandern. Ein neuer Fall „Bruno“ in Deutschland ist nicht ausgeschlossen.

 „12 bis 13 Bären, das sind gute Neuigkeiten!“, freut man sich im Naturpark Adamello Brenta, um dann aber gleich fragend nachzuschieben: „Aber wird es genug sein, um die Effekte einer geringen – sehr geringen - sozialen Akzeptanz auszugleichen?“

Seit dem Fall „Daniza“ am 15. August 2014, dem ersten Angriff eines Bären auf einen Menschen in Italien seit 150 Jahren, zeigen offenbar mehr und mehr Trentiner den Bären den nach unten gestreckten Daumen. Daniza hatte in Anwesenheit von zwei Jungbären einen Pilzsammler angegriffen und in so schwer verletzt, dass er mit 40 Stichen genäht werden musste. Laut „Bear Report 2014“ folgten im vergangen Jahr noch vier dokumentierte „close encounter“ – enge Zusammentreffen von Mensch und Bär, allerdings ohne ernste Folgen. Am 10. Juni dieses Jahres nun, verletzte ein Bär einen Jogger nahe der Provinzhauptstadt Trient. Er überlebte schwerverletzt.

„Es hat hier jeden geschockt“, sagt einer der Experten im Trentino. Und die Schockwelle erreichte auch die Nachbarn. Von einem „brutalen Angriff“ ist bei unsertirol24.com die Rede. Das Bärenansiedlungsprogramm im Trentino müsse „beendet und die Bären in geeignete Großgehege überführt werden“, wird , auf landtag-bz.org zitiert.

Rüdiger Schmiedel von der Stiftung für Bären sieht Handlungsbedarf: „Die Unfälle sind traurig, aber sie sind auch der Tatsache geschuldet, dass die Trentiner Bevölkerung und erst recht Touristen aus Deutschland erst noch lernen müssen, sich auf Bären einzustellen.“ Ganz konkret sagt Schmiedel: „Wer wie der Pilzsammler im Falle „Daniza“ abseits von Wegen unterwegs ist, sollte Bären durch Sprechen, Singen oder Pfeifen auf sich aufmerksam machen, damit die Bären sich frühzeitig zurückziehen können.“

„Der Bär wollte mich fressen“ zitiert die Schweizer Zeitung ‚Blick’ den vor zwei Wochen angegriffenen Jogger. Auch dazu nimmt Bärenexperte Schmiedel Stellung: „Vermutlich hat es sich für das Opfer so angefühlt, aber mit sehr großer Wahrscheinlichkeit hat der Bär den Jogger nicht als Beute gesehen.“ Für Rüdiger Schmiedel steht fest, dass der Jogger nicht richtig informiert war und sich tragischerweise falsch verhielt.

Der „Blick“ zitiert den Jogger wie folgt: „Ich höre ein Geräusch hinter mir, drehe mich um. Da steht ein Bär nur zehn Meter von mir entfernt. Ich hebe die Arme und schreie, um ihn zu verjagen. So wie man es ja tun sollte. Doch der Bär griff mich an.“„Ich weiß nicht, wo der Mann sich informiert hat, aber er hat definitiv das Falsche getan“, sagt Schmiedel. „Wenn mir auf 200 Meter in offener Landschaft ein Bär entgegenkommt, mache ich mich mit Rufen und Armewedeln bemerkbar. Bei einer Begegnung auf zehn Meter wirkt hektisches Herumschreien und Gefuchtel wie ein Affront. Der Bär greift an, weil er sich bedroht fühlt.“

Gefragt wie er denn in einer entsprechenden Situation reagieren würde, sagt Schmiedel: „Ich hätte den Blick abgewendet, den Kopf eingezogen, mich langsam zur Seite gedreht und hätte leise und mit beruhigender Stimme etwas vor mich hingemurmelt. Vorsichtig würde ich versuchen, den Rückzug anzutreten.“ Auf Maßnahmen im Notfall hinzuweisen, sei das eine, sagt Schmiedel weiter: „Aber noch wichtiger ist es, bei der Prävention nicht locker zu lassen.“

Laut „Bear Report 2014“ hat die Provinz Trentino 2014 knapp 50.000 Euro für Präventionsmaßnahmen zur Verfügung gestellt, in erster Linie für elektrische Zäune. Prüfer stellten jedoch fest, dass in 42 Prozent der untersuchten Fälle, die Batterien nicht funktionierten. In weiteren 26 Prozent der Fälle waren die Zäune nicht richtig aufgestellt und entsprechend ungeeignet, Bären von Bienen oder Vieh abzuhalten.

Für Rüdiger Schmiedel zeigt das ganz deutlich, dass sich Viehhalter und Imker noch in einer Phase der Anpassung befinden. „Wenn die Anwender konsequenter handeln, werden die Zwischenfälle mit Bären automatisch weniger. Und für ein Miteinander von Mensch und Bär ist das ganz entscheidend: Ein Bär ist kein Kuschelteddy. Die Menschen müssen alles tun, um wildlebende Bären nicht an ihre Nähe zu gewöhnen.“

12 bis 13 weitere Bären im Trentino: Wird man sich nicht auch in Deutschland wieder auf zugewanderte Bären einstellen müssen? „Grundsätzlich ja“, sagt Schmiedel. In diesem Zusammenhang sei aber immer interessant, was im Durchgangsland Schweiz passiert, wo man seit 2005 Erfahrungen mit zugewanderten italienischen Bären sammelt.

„Die Anzahl neugeborener Tiere im Frühling sagt nicht viel aus. Die Sterberate ist bei Bären relativ hoch“, erklärte unlängst Gabor von Bethlenfalvy, Verantwortlicher Grossraubtiere beim WWF Schweiz, gegenüber der Zeitung „20Minuten“. 2014 seien elf Bären im Trentino zur Welt gekommen. Lediglich sieben überlebten. Nur zwei Tiere tauchten in der Schweiz auf. Für die Paarung würden sie in der Regel in ihr Kerngebiet zurückkehren, erklärt Bethlenfalvy.

 „Und doch“, sagt Schmiedel. „Bruno hat es nach Deutschland geschafft. Je stärker die Population im Trentino anwächst, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es ein weiterer Bär schafft. Und dann“, ergänzt Schmiedel, „sollten wir besser vorbereitet und informiert sein. Nicht, dass Leute wieder auf die Idee kommen, den Bären Leckerli zu reichen. Das ist für Bären fatal. Und auch eine bessere internationale Zusammenarbeit ist wichtig.“

Von Behördenseite sieht man den Rummel um die Bären gelassen. Dr. Ulrich Arzberger, Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz: „Eine Zuwanderung von Bären aus dem Alpenraum nach Baden-Württemberg kann nicht vollständig ausgeschlossen werden.“ Aufgrund der Siedlungs- und Landnutzungsstruktur sieht er aber beispielsweise das württembergische Allgäu nicht als Bärenhabitat geeignet.

Dieser Aussage widerspricht die Schweizer Raubtier-Forschungsstelle „Kora“. Kora hat bereits 2005 ermittelt, wo Bären im Alpenraum leben können. Nach dieser Untersuchung gibt es auch in Deutschland für Bären geeigneten Lebensraum. Ausdrücklich benannt sind der nördliche Alpenrand als mögliches Bärenland. Besonders bärentauglich seien dort Teile der Allgäuer Alpen, auch Bereiche des Ammergebirges, das Gebiet an der Benediktenwand, das Karwendel (Tirol) und Karwendelvorgebirge, das Mangfallgebirge sowie das Gebiet um den Spitzingsee.

Rüdiger Schmiedel, von der Stiftung für Bären, fordert deshalb mehr Aufklärung und Respekt vor Bären. „Und machen Sie Urlaub in den europäischen Bärengebieten. Dann lernen Sie, dass die Bären uns auch etwas zurückgeben: lebende Landschaften und ein Gefühl von vollkommener Natur.“

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